Aérial

 

Der französische Künstler Baptiste Debombourg (*1978) gehört in seinem Heimatland zu den herausragenden jungen Künstlern seiner Generation. Er studierte Bildhauerei an der Ecole National des Beaux Arts in Lyon und post-graduierte an der Ecole National Superior des Beaux Arts in Paris. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland haben ihm auch internationale Aufmerksamkeit beschert. In Deutschland gilt es ihn mit seinen handwerklich brillanten und inhaltlich provozierenden Arbeiten noch zu entdecken.

 

Debombourgs Werke sind das Ergebnis poetischer Transformationen. Seine Referenzen schlagen einen kunsthistorischen Bogen von architekturtheoretischen Schriften der Moderne - wie Adolf Loos’ epocheweisendem Artikel “Ornament und Verbrechen” von 1908 - bis hin zu aktuellen gesellschaftskritischen Positionen zeitgenössischer Kunst eines Raymond Hains, Maurizio Cattelan oder Thomas Schütte.

 

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist das reflexive Potential des Alltags, sind Gebrauchsgegenstände oder Abfallprodukte, denen eine festgelegte Funktion und Wahrnehmung eingeschrieben ist. Aus diesen „Objets trouvés“ und Hinterlassenschaften des Konsums erschafft der Künstler Neues, formt Hybriden, die jede Gebrauchsästhetik negieren und den ehemaligen Verwendungszweck ad absurdum führen. Ob Tackernadeln, Styroporverpackungen oder Polybrick-Bausteine - stets erfahren die zuvor rein funktional besetzten Gegenstände durch den künstlerischen Eingriff eine Transformation, die sie in einem vollkommen anderen Licht, einer anderen Materialität und gänzlich anderen Sinnhaftigkeit erscheinen lässt. Die Wiederverwendung und Neukonstruktion des Verbrauchten zu Skulpturen ist stets verblüffend und verweist mit viel Ironie und Geschick auf die Vergänglichkeit des Materiellen und die Metamorphosen des Alltags.

 

Einen anderen Weg der Neukomposition zeigen Debombourgs verstörende Waffenzeichnungen, die sich wie technische Konstruktionspläne Ihres Innenlebens lesen und ebenfalls Teil der Ausstellung sind. Bei näherer Ansicht lassen sich in den unterschiedlichen Waffentypen architektonische Grundrisse von präziser Genauigkeit erkennen. Während die „Walter P38“ einen Ausschnitt aus der Kathedrale von Chartres zeigt und durch die Umformung zu einer Waffe Stellung bezieht zu der einer in Teilen blutrünstigen Heilsgeschichte, handelt es sich bei „Famas-F1“ um die Darstellung des Sturmgewehrs der französischen Streitkräfte, welches in den verschiedenen Kolonien zum Einsatz kam und sinnigerweise vom Künstler in eine fiktive Gefängnisarchitektur verwandelt wurde.

 

Auch „Aérial“ spielt mit dem Gedanken von Zerstörung und Neukomposition.
Als In-Situ-Installation speziell für den Säulensaal der Abtei geschaffen, korrespondiert die raumgreifende Arbeit aus Verbundglas mit dem architektonischen, historischen und spirituellen Charakter des Klosters, dessen ursprüngliche Funktion als Stätte des Gebets und inneren Einkehr bis heute die Architektur der Säulenhalle mit Kreuzgratgewölbe und dunklen Granitsteinen prägt.

 

Getragen von einem sternförmigen Holzkonstrukt, strömt „Aérial“ als monumentale Welle aus gebrochenem Glas in den Raum und trägt das Licht, welches verhalten durch die Fenster dringt, mit sich. Fast gewaltsam durchbricht sie die voluminöse Architektur des säulenbestandenen Raumes, spült feinste Kristallperlen wie die Gischt schäumender Wellen auf den dunklen Steinboden und wirkt gleichzeitig im Moment ihrer Bewegung eingefroren. Das gläserne Gespinst fängt das Licht spielerisch ein, umschmeichelt ihr hölzernes Innenleben und lässt durch die kristalline Struktur des Zerbrochenen ein Feuerwerk tanzender Lichter entstehen. Einem Kirchenfenster gleich, bündelt und verändert „Aérial“ das Licht. Die so entstehenden Spiegelungen, Transparenzen und Verschattungen reflektieren ihrerseits die vielen verschiedenen Facetten eines an Historie reichen Ortes, dessen ursprüngliche Funktion durch Fremdnutzungen als Bettleranstalt, Arbeitsanstalt, Konzentrationslager, Gefängnis der Kölner Gestapo und psychiatrische Klinik buchstäblich überschattet wurde.

 

Dem einströmenden Licht kommt vor allem im spirituellen Kontext der Abtei eine besondere Bedeutung zu. Seit Anbeginn der Geschichte haben Menschen das Licht verehrt, hatte der himmlische Widerschein beim Bau von Heiligtümern, Tempeln und Kirchen eine wichtige Funktion. Er war Zeugnis der göttlichen Präsenz, ein spürbarer Beleg seiner Nähe und ein Zeichen der Verbindung des Menschen zu Gott und dem Jenseits.
Ausdruck fand dieser Glaube vor allem in der Gestaltung der Fenster, die besonders in der romanischen und später in der gotischen Architektur ihre Blüte erfuhr. Das Glas, in dieser Zeit ein überaus kostbares Material, ließ das Sonnenlicht ein und erleuchtete die Kathedrale in einer Weise, wie auch das göttliche Licht den Menschen innerlich erleuchten sollte. Es tauchte das Innere des Gotteshauses mit seinen farbigen Malereien in ein nie gesehenes Licht, welches eine spirituelle Verbindung zwischen der sakralen und der profanen Welt schuf.

 

„Aérial“ ist eine überaus komplexe Raumgestaltung, die auf vielen verschiedenen Ebenen mit dem besonderen Charakter des Säulensaals korrespondiert. Das vom Künstler gewählte Material, welches uns tagtäglich in unterschiedlichsten Verwendungsformen begegnet, seine Umformung und Umdeutung innerhalb des Ausstellungskontextes initiiert nicht nur eine Reflektion über die komplexen Bedeutungsebenen von Licht und Transparenz im Kontext christlicher Ikonografie, spiegelt nicht nur die disparaten Facetten und Funktionen der Abtei im Laufe der Zeit, sondern spielt darüber hinaus mit den Paradoxien von Zerstörung und Neuschöpfung an einem Ort, dessen Wesen ebenso komplex und vielschichtig ist wie die Symbolik des gebrochenen Glases.

 

 

Nadia Ismail & Astrid Legge

Pulheim - 2012