Rede zu Eröffnung der Ausstellung „Ars Apocalipsis. Kunst und Kollaps“ im Kunstverein Gütersloh 9.10 – 18.12. 2011.

( EXTRAKT)
  

 

Die Idee war, Albrecht Dürer mit der Gegenwartskunst zusammenzubringen. Angesichts der Tatsache, dass Albrecht Dürer eine epochale Gründerfigur ist, stellt dieses Konzept für Künstler wie Kuratoren eine besondere Herausforderung dar. Doch Brüder Boecker haben es geschafft, aus dem Werk-Korpus der Künstler die zu Dürer passenden Arbeiten auszuwählen oder gar, und das ist sehr oft geschehen, die Künstler zu neuen Werken anzuregen, die über 500 Jahre hinweg mit diesem außerordentlichen Holzschnitt-Zyklus von Dürer über die Apokalypse des Johannes ein Responsorium bilden. Es hat schon öfters Ausstellungen zur Apokalypse gegeben; und mehrfach wurden dabei Blätter von Dürers Apokalypse gezeigt. Aber so weit ich sehe, hat es noch niemals eine derart dichte und spannungsreiche Auseinandersetzung vieler heutiger Künstlern mit diesen Inkunabeln der Druckgraphik gegeben.(...)

 

 

Denn die Formarbeit der Kunst kann – und das ist das Letzte, was ich sagen möchte – die Gewalt, vor der wir Angst haben oder die viele auch ersehnen, Form kann Gewalt integrieren. Als ein Beispiel unter vielen möglichen dieser Ausstellung möchte ich Baptiste Debombourg nennen. Dieser französische Künstler zitiert in seiner Aggravure 4 mit den apokalyptischen Reitern eine der stärksten Gewaltszenen Dürer und verwandelt sie gewissermaßen in Hells Angles, in Motorradfahrer, die in hemmungsloser Brutalität über eine Vielzahl von Opfern hinwegbrausen: es sind dies die Dürersche Menge an geduckten, verschreckten, gestürzten Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, über welche der apokalyptische Sturm rast. Die Technik, mittels derer der Künstler arbeitet, stellt eine ikonische Verbindung zwischen Dürer und modernen Gewaltformen her, wie sie jeden Tag in den Medien reproduziert werden. Die Technik, durch welche diese Bild-Fusion aus Dürer und heutigen Motiven hergestellt wird, ist die des Tackerns. Das ist selbst eine gewaltförmige Technik: zweihundertvierzigtausend Male schlagen die Metall-Krampen wie Geschosse in das Trägermaterial – und bilden Form. Eine metallisch schimmernde Form, die vom weiten die Anmutung einer Tapisserie gewinnt, so als sei ein Stoff durchzogen von metallischen Fäden. Das Bild gewinnt dadurch eine außerordentliche Materialität und Korporalität. Es ist ein Paradox: die Personen und Dinge gewinnen Form durch eben jene Gewalt, der sie ihr Erscheinen verdanken. Indem der Künstler diese entsetzliche Gewalt in die Kunst selber aufgenommen, sogar zu ihrer schöpferischen Kraft gemacht hat, entsteht ein Werk, worin die Gewalt nicht nur nicht verleugnet oder ästhetisiert, sondern vielmehr durch Form und ästhetische Technik beherrscht und integriert wird.

 

 

Ähnliches kann man an vielen der ausgestellten Werke studieren. Dadurch lässt sich im Konkreten begreifen, warum eine Gesellschaft, wie Landrat Adenauer es zutreffend gesagt hat, sich die Kunst leisten muss – und Orte für die Kunst. Orte, wo die Kunst ihre Formarbeit an den Problemzonen, die uns alle umgeben und quälen, demonstriert, wo Lösungen gesucht werden, die zunächst weit weg vom politischen Handlungsfeld liegen. Denn was will, was allenfalls kann Kunst? Sie kann und soll gefallen, aber mehr noch soll sie unsere versteinerten Gedankensysteme und angstgepeinigten Imaginationen darstellen, auf dass eine Verflüssigung des Denkens möglich wird, das dann zu einem politischen Potenzial werden kann – im besten Fall. So wie wir auf dem harten Tackerbild die Integration von Gewalt in die filigrane Formensprache der Kunst sehen; oder wie wir auf den sanften Polaroidfotos von Saul Fletcher, der arrangierte Stillleben ablichtet, die künstlerische Arbeit an der Fotografie zusammengehen sehen mit einem ins Bildliche versenkten Momento Mori. Roland Barthes hatte der Fotografie zugetraut, dass sie eine paradoxe Kraft ist, in der die Mortifikation, die jedem Bildwerden zugrunde liegt (wir töten, was wir abbilden), im Dienst einer Resurrektion stehen könnte. Saul Fletcher arbeitet in diesem Sinn in einem neuen Medium an einem alten Genre, eben dem Stillleben, das auch nature morte heißt. Gewalt und Mortifikation werden mit Auferstehung und Verewigung verbunden – auch das ist Arbeit am apokalyptischen Drama.

 

 

Hartmut Böhme