Journal quotidien allemand
08/10/2011

Dürers Apokalypse im Neuzeitformat

Gütersloh (dop) - Höllenfeuer im Foyer, zwischen dem Fachwerk tobt der Krieg. Splitterbomben prasseln vom Himmel und die apokalyptischen Reiter preschen auf Motorrädern heran. Mit der fulminanten Ausstellung „Ars Apocalipsis – Kunst und Kollaps“ startet der Kreiskunstverein Gütersloh in die Saison.

 Die Vernissage ist Sonntag, 9. Oktober um 11.30 Uhr im frisch sanierten Veerhoffhaus, Am Alten Kirchplatz. 26 namhafte Künstler setzen sich dort mit Albrecht Dürer und dessen 1511 veröffentlichter, meisterhaften Holzschnitt-Serie „Apocalipsis cum Figuris: Die heimliche Offenbarung des Johannes“ auseinander. Wohlgehütet liegt ein Original aus der Sammlung des Osnabrücker Archivars Dr. Konrad Liebmann unter Glas.

 

Die Repliken der 15 Blätter treten derweil in den einzelnen Kabinetten des Veerhoffhauses in Dialog mit ihren zeitgemäßen Pendants. Ein Panoptikum des Schreckens, brillant inszeniert und immer bemüht, dem so beschaulichen Rahmen des Veerhoffhauses nicht zu unterliegen.

 

Die dramatischen Darstellungen vom Tod und Verderben des Menschen, die Dürers Weltruhm begründeten und in ihrer säkularisierten Ästhetik zu den Meilensteinen der Kunstgeschichte zählen, prallen auf eine Welt, in der der Mensch Albträume wie 9/11 und Fukushima ertragen muss, in der Krieg und Katastrophen rund um die Uhr so präsent sind wie Hungersnöte und Weltwirtschaftskrise zu Alltäglichem verkommen sind. Wer glaubt, dass sich der zivilisatorische Kollaps in spektakulären Hollywoodproduktion erschöpft, dem wird in dieser Ausstellung deutlich, dass er längst zum Topos des 21. Jahrhunderts geworden ist.

 

Im Kunstverein brechen sich  Angst und Appell in beeindruckenden Bildern und Installationen Bahn. Norbert Bisky, der international gefeierte „Tarantino der Malerei“, hat nach Dürers Blatt „Johannes verschlingt das Buch“ gleich einen ganzen Raum mit drastischer Malerei weit aufgerissener Münder und einem Szenario wie nach einem Überfall gestaltet. Gerhard Richters „September“ bannt in charakteristischer Wischtechnik die einstürzenden Twin Towers des World Trade Centres auf Glas. Der amerikanische Maler Robert Longo liefert an der Schnittstelle von Faszination und Abgrund mit „Study of White Tunnel“ das Abbild einer Tod bringenden Monsterwelle.

 

Gewaltszenarien in Schwarz („War is coming“) und einen getuschten Totentanz ums Geld steuert der Franzose Damien Deroubaix bei, während sein Landsmann Baptiste Debombourg die apokalyptischen Reiter in PS-starker Neuzeitvariante mit 250 000 Heftklammern (!) als Aggravure auf der Leinwand inszeniert. 

 

Der Niederländer Aaron von Erp fürchtet in raumgreifender Dunkelheit die vier Racheengel. Der Brite Ben Cottrell manifestiert eine „Schwarze Sonne“ an der Wand. Unendliche Schreie per Video sind vom 1993 an Aids gestorbenen israelischen Künstler Absalon (Meir Eshel) zu hören, während die US-Filmerin Aida Ruilova Schauspielerin Sonja Kinski mit einem Messer zur ganz persönlichen Marter in einem seperaten und nur für Besucher ab 18 Jahren zugänglichen Raum schickt. Die Apokalypse ist vom Menschen und nicht von Gott gemacht, resümiert schließlich der Österreicher Klaus Auderer mitten in seinem Maschinenpistolen–Mobile („Planet of Love“) – und lässt gleich daneben ein Flugzeug in einen Puppenkopf stürzen.

 

Und doch: Es bleibt ein Funken Hoffnung. Sie drängt sich mit Thomas Schroerens „The New City“ (Dürers neues Jerusalem) in die hinterste Ecke des Obergeschosses.

 

„Es geht darum, derzeit dominante Lebensmodelle zu überdenken“, benennt Malte Boecker, Vorstandsmitglied des Kunstvereins und Kurator der Ausstellung, das Ziel der Schau. Zusammen mit seinem Bruder Henning, Vorsitzender des Bonner Kunstvereins, hat er die Kontakte zu den Sammlern hergestellt und die Künstler dafür gewinnen können, sich zu beteiligen. Ein Paukenschlag zur Wiedereröffnung des Veerhoffhauses.

 

Weitere Daten und Fakten zur Ausstellung sowie ein Exklusiv-Interview mit dem Künstler Norbert Bisky lesen Sie in der Gütersloher “Glocke“ vom 8. Oktober.

 

 

http://www.die-glocke.de

 

http://www.kunstverein-gt.de

 

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